NIDA YOUNIS
A Review of Antemanha's poem Berlin Fragmente
[1]in: Antemanha, Im Blau jenseits der Wolkenmilch, Würzburg, Königshausen & Neumann 2023, pp 31-35
Berlin – Fragments is a poem that thinks with the body as much as with history. Antemanha does not approach Berlin as a city to be described, but as a wound to be felt – under the feet, in the diaphragm, in memory itself. The epigraph from Joseph Beuys, “Show your wound,” is not ornamental; it is the poem’s ethical and aesthetic command.
Berlin – Fragmente ist ein Gedicht, das gleichermaßen mit dem Körper wie mit der Geschichte denkt. Antemanha nähert sich Berlin nicht als einer Stadt, die es zu beschreiben, sondern als einer Wunde, die es zu spüren gilt – unter den Füßen, im Zwerchfell, in der Erinnerung selbst. Das Zitat von Joseph Beuys „Zeige deine Wunde“ ist nicht schmückendes Beiwerk, sondern das ethische und ästhetische Postulat des Gedichts.
From the opening lines, earth becomes a counter-image to asphalt and concrete. Berlin is one of the few cities where soil can still be “seen and felt,” where fallen leaves may still return to earth. This insistence on الأرض / land/ la terre is not nostalgic; it is political and somatic. Beneath the modern city lies another Berlin – buried, compressed, but not erased. The poem repeatedly returns to what is under: underground tunnels, buried walls, hidden foundations, suppressed histories.
Von den ersten Zeilen an wird Erde zu einem Gegenbild zu Asphalt und Beton. Berlin ist eine der wenigen Städte, in denen der Boden noch „gesehen und gefühlt“ werden kann, in denen abgefallene Blätter wieder zu Erde werden können. Dieses Beharren auf الأرض / Land / la terre ist nicht nostalgisch, sondern politisch und körperlich. Unter der modernen Stadt liegt ein anderes Berlin – begraben, komprimiert, aber nicht ausgelöscht. Das Gedicht kehrt immer wieder zu dem zurück, was darunterliegt: unterirdische Tunnel, begrabene Mauern, verborgene Fundamente, verschwiegene Geschichten.
The central metaphor of the scar is one of the poem’s most powerful achievements. The Cold War is not framed as a past event but as a tactile presence. The speaker feels precisely when she walks over it. The scar activates the body: goosebumps, vibrations in the diaphragm, and involuntary sobbing. History here is not archived; it is neurological. The diaphragm becomes a trampoline where the “memory of mad laws” still jumps – an extraordinary image that links law, violence, and breath. Reason itself is wounded, bleeding human blood.
Die zentrale Metapher der Narbe ist eine der stärksten Leistungen des Gedichts. Der Kalte Krieg wird nicht als vergangenes Ereignis dargestellt, sondern als spürbare Präsenz. Die Sprecherin fühlt genau, wann sie die Narbe überquert, denn diese aktiviert den Körper: Gänsehaut, Zwerchfellschwingungen und unwillkürliches Schluchzen. Geschichte wird hier nicht archiviert, sie ist neuronaler Natur. Das Zwerchfell wird zu einem Trampolin, auf dem die „Erinnerung an wahnsinnige Gesetze” noch immer springt – ein außergewöhnliches Bild, das Recht, Gewalt und Atem miteinander verbindet. Die Vernunft selbst ist verwundet, aus ihr fließt Menschenblut.

What distinguishes this poem is its refusal of heroic confrontation. The speaker does not insist on crossing the scar; she avoids it, protects it from strain and light, as one would protect healing flesh. This gesture introduces an ethics of care into political memory: not all wounds are to be exposed violently; some require distance, tenderness, patience.
Was dieses Gedicht auszeichnet, ist seine Ablehnung heroischer Konfrontation. Die Sprecherin besteht nicht darauf, die Narbe zu überqueren; sie meidet sie, schützt sie vor Belastung und Licht, so wie man heilendes Gewebe schützt. Diese Geste führt eine Ethik der Fürsorge in die politische Erinnerung ein: Nicht alle Wunden dürfen gewaltsam offenbart werden; manche erfordern Distanz, Zärtlichkeit, Geduld.
The female figure in section 6 deepens this tension. She wants to move forward, to defend the unjustly imprisoned, to remove stones from the hands of executioners, to build bridges with her gaze. Yet her body betrays her – arm numb, thoughts snapping when she steps on the scar. Political desire collides with embodied limitations. The poem thus critiques not only oppression but also the romantic fantasy of limitless resistance. Even vision – the gaze meant to heal – must be woven carefully, thread by thread, across the abyss.
Die weibliche Figur in Absatz 6 vertieft diese Spannung. Sie möchte vorwärtsgehen, um die zu Unrecht Inhaftierten zu verteidigen, um Steine aus den Händen der Steiniger zu entfernen, um mit ihrem Blick Brücken zu bauen. Doch ihr Körper lässt sie im Stich – ihr Arm wird taub, ihre Gedanken reißen ab, als sie auf die Narbe tritt. Politisches Verlangen kollidiert mit körperlichen Grenzen. Das Gedicht kritisiert somit nicht nur Unterdrückung, sondern auch die romantische Fantasie von unbegrenztem Widerstand. Selbst die Vision – der Blick, der heilen möchte – muss behutsam, Faden für Faden, über den Abgrund gesponnen werden.
The Wall itself undergoes a radical transformation. Once impermeable, it becomes porous, cuttable with a bread knife. It turns into a score – a musical and visual composition made of graffiti, words, notes, images. This is one of the poem’s most original conceptual moves: history becomes something to be performed collectively. Art does not erase trauma; it organizes it into shared sound. Friends gather, improvise, sing, argue about coherence. Life intrudes – rock soprano, ping-pong bass, Renaissance echoes. Even silence becomes necessary: some memories must remain in sound, not language, or they would destroy everything.
Die Mauer selbst erfährt eine radikale Verwandlung. Einst undurchlässig, wird sie porös, mit einem Brotmesser schneidbar. Sie verwandelt sich in eine Partitur – eine musikalische und visuelle Komposition aus Graffiti, Worten, Noten, Bildern. Dies ist einer der originellsten konzeptuellen Schritte des Gedichts: Geschichte wird zu etwas, das gemeinsam aufgeführt wird. Kunst löscht Traumata nicht aus, sondern organisiert sie zu einem gemeinsamen Klang. Freunde versammeln sich, improvisieren, singen, streiten über Kohärenz. Das Leben hält Einzug – Rocksopran, Pingpong-Bass, Renaissance-Echos. Selbst Stille wird notwendig: Manche Erinnerungen müssen im Klang bleiben, nicht in der Sprache, sonst würden sie alles zerstören.
The final section widens the lens. Togetherness in Berlin does not mean the end of fissures; it means their displacement. While one scar fades, others open elsewhere. The poem refuses closure. Tectonics continue. Continents shift. Wounds migrate. This is not pessimism but lucidity: history is structural, not episodic.
Der letzte Absatz erweitert den Blickwinkel. Zusammengehörigkeit in Berlin bedeutet nicht das Ende der Klüfte, sondern ihre Verschiebung. Während eine Narbe verblasst, erscheinen andere an anderen Stellen. Das Gedicht lehnt einen Abschluss ab. Die Tektonik geht weiter. Kontinente verschieben sich. Wunden wandern. Das ist kein Pessimismus, sondern Klarheit: Geschichte ist strukturell, nicht episodisch.
In Berlin – Fragments, Antemanha offers a poetics of scars – where city, body, memory, and music intersect. The poem is deeply European in its historical consciousness, yet universal in its understanding of how violence settles into flesh and space. It does not shout. It vibrates. And in doing so, it honors Beuys’s injunction not by displaying the wound as spectacle, but by listening to how it still breathes.
In Berlin – Fragmente entwirft Antemanha eine Poetik der Narben an der Schnittstelle von Stadt, Körper, Erinnerung und Musik. Das Gedicht ist in seinem historischen Selbstverständnis zutiefst europäisch, doch in seinem Wissen darüber, wie Gewalt sich in Fleisch und Raum festsetzt, universell. Es schreit nicht. Es schwingt. Und damit folgt es Beuys’ Gebot, nicht indem es die Wunde als Spektakel zur Schau stellt, sondern indem es lauscht, wie sie weiterhin atmet.

| 1. | ↑ | in: Antemanha, Im Blau jenseits der Wolkenmilch, Würzburg, Königshausen & Neumann 2023, pp 31-35 |